Artgerecht, nachhaltig, umweltschonend: Dafür stehen Bio-Gütesiegel

Irgendetwas essen, um einfach nur satt zu werden – das kommt für einen großen Teil der deutschen Bevölkerung nicht infrage. Immer mehr Menschen machen sich Gedanken über die Qualität und die Herkunft der Lebensmittel, die wir zu uns nehmen, wie auch über deren Produktionsbedingungen in Hinblick auf Umweltauswirkungen und artgerechte Tierhaltung. Daraus erwachsen immer höhere Ansprüche an unsere Nahrungsmittel: Gesund und hochwertig sollen sie sein und möglichst auch noch nachhaltig und regional produziert. Selbst bei Fertiggerichten achten wir mittlerweile auf Inhaltsstoffe und Nährwerte. Kein Wunder also, dass die Nachfrage nach Bio-Produkten steigt. In der Europäischen Union haben sich die Pro-Kopf-Verbraucherausgaben für biologisch hergestellte Lebensmittel seit 2008 laut einer Erhebung des Forschungsinstituts für biologischen Landbau glatt verdoppelt. Allein die Deutschen gaben 2019 insgesamt rund 11,9 Milliarden Euro für Lebensmittel in Bio-Qualität aus. 2020 dürfte der Umsatz nach ersten Schätzungen sogar auf mehr als 14 Milliarden Euro gestiegen sein.

Bio ist nicht gleich Bio

In Deutschland hat sich Bio also längst vom Randphänomen zum Megatrend auf Wachstumskurs entwickelt. Diese Demokratisierung spiegelt sich auch in der Produktkennzeichnung wider. So gibt es in Deutschland mittlerweile rund 40 verschiedene Bio-Siegel und über 100 unterschiedliche Bio-Zeichen. Anhand derer sollen Verbraucherinnen und Verbraucher nicht nur biologisch erzeugte Lebensmittel grundlegend als solche identifizieren können; die Siegel sollen auch biologisch kontrollierte Produktion sicherstellen und zertifizieren. Bei der Vielzahl an Gütesiegeln kann es allerdings schon ziemlich schwerfallen, beim Gang durch die Regale im Supermarkt direkt nachzuvollziehen, welche Siegel für welche Produktionsrichtlinien stehen. Der folgende Überblick schafft Abhilfe und erklärt, was die gängigsten Gütesiegel bedeuten.

Die deutschen und europäischen Siegel

Im Unterschied zu vielen anderen Begriffen auf Lebensmittelverpackungen ist die Bio-Kennzeichnung rechtsverbindlich und europaweit einheitlich geregelt. Alle Nahrungsmittel, die als „Bio“ oder „Öko“ bezeichnet werden, müssen seit 2010 den Vorgaben der EU-Öko-Verordnung entsprechen. Der darin festgelegte Mindeststandard für Bio-Lebensmittel sieht vor, bei der Produktion weder chemisch-synthetische Pflanzenschutz- und Düngemittel noch gentechnisch veränderte Organismen zu verwenden, Landwirtschaftsflächen nachhaltig zu bewirtschaften, die Bodenfruchtbarkeit dabei zu erhalten oder zu steigern, Tiere artgerecht in Ställen mit Tageslicht und mit Auslaufmöglichkeiten zu halten sowie sie mit ökologisch erzeugten Futtermitteln (ohne Antibiotika, Wachstums- oder Leistungshormonen) zu füttern. Bei verarbeiteten Lebensmitteln müssen mindestens 95 Prozent der Zutaten landwirtschaftlichen Ursprungs aus Öko-Herstellung stammen. 

Alle Waren, die diesen Bio-Mindeststandard erfüllen, werden mit dem EU-Bio-Logo (ein stilisiertes Blatt auf grünem Untergrund) gekennzeichnet. Nach wie vor tragen viele Lebensmittel zusätzlich das sechseckige deutsche Bio-Siegel, das es bereits seit 2001 gibt. Dafür gelten zwar dieselben Kriterien wie für das EU-Logo, aufgrund seines hohen Bekanntheitsgrades verwenden es aber weiterhin mehr als 6.000 Unternehmen auf über 90.000 Produkten. Kritikerinnen und Kritikern gehen die gesetzlichen deutschen und europäischen Bestimmungen jedoch nicht weit genug. Sie beanstanden unter anderem, dass Öko-Betriebe nicht vollständig ökologisch arbeiten müssen, dass Verunreinigungen durch gentechnisch verändertes Material in Kleinstmengen von 0,9 Prozent zulässig sind und der Einsatz von Antibiotika in Ausnahmefällen erlaubt ist.

 

Die Siegel der Anbauverbände

Viele deutsche Landwirtinnen und Landwirte produzieren nicht nur nach den rechtlichen Kriterien, sondern richten sich auch nach Regeln von Bio-Anbauverbänden. Dazu zählen etwa die bekanntesten Öko-Verbände Bioland, Demeter und Naturland. Sie definieren für ihre Mitglieder verbindliche Rahmenrichtlinien, die teilweise erheblich strenger sind als die Vorgaben der EU und über den Bio-Mindeststandard hinausgehen. Damit ihre Erzeugnisse deren Siegel tragen dürfen, müssen landwirtschaftliche Betriebe ihre Äcker und Höfe komplett einheitlich ökologisch führen, Hühnern und Schweinen wesentlich mehr Platz bieten und dürfen keine konventionellen Futtermittel verwenden sowie keine Gülle und Jauche aus konventioneller Landwirtschaft zukaufen und benutzen. Zudem legen die Anbauverbände großen Wert auf Regionalität und reglementieren die Verwendung von Hilfs- und Zusatzstoffen sehr streng. Die EU-Verordnung gewährt im Vergleich dazu größere Spielräume.

Da die Vorgaben der verschiedenen Anbauverbände nicht einheitlich sind, ist es an den Verbraucherinnen und Verbrauchern, die Siegel und damit verbundenen Richtlinien miteinander zu vergleichen. Bioland ist nach Fläche und Mitgliederzahl der größte ökologische deutsche Anbauverband. Dessen 8.100 Mitglieder arbeiten nach dem System der Kreislaufwirtschaft, wodurch unter anderem fruchtbare Böden erhalten und biologische Vielfalt gefördert werden sollen. Naturland ist in 60 Ländern aktiv und verzeichnet in Deutschland rund 4.000 landwirtschaftliche Erzeugerbetriebe als Mitglieder. Deren Arbeits- und Wirtschaftsweise richtet sich nach drei Grundwerten – ökologisch, zukunftsweisend und fair – und legt einen Fokus auf soziale Aspekte. Als strengster Anbauverband in Deutschland gilt Demeter. Seine über 400 Mitglieder wirtschaften nach dem Prinzip der sogenannten biologisch-dynamischen Landwirtschaft, bei dem eine nachhaltige Bewirtschaftung der Ressourcen, eine Förderung der natürlichen Prozesse im Boden und eine obligatorische wesensmäßige Tierhaltung im Vordergrund stehen.

Mehr Transparenz durch Siegel

Damit das, was einmal als bio zertifiziert und mit einem Siegel versehen wurde, auch bio bleibt, werden die Öko-Betriebe mindestens einmal jährlich kostenpflichtig durch staatlich anerkannte und unabhängige Kontrollstellen überprüft. Insbesondere für junge und kleine Unternehmen kann eine vollumfassende ökologische Produktion und strikte Einhaltung der Bio-Richtlinien, insbesondere der der Anbauverbände, in Hinblick auf Aufwand und Kosten im Vergleich zu konventioneller Herstellung eine große finanzielle Herausforderung darstellen. Für uns Konsumentinnen und Konsumenten schaffen die Bio-Siegel in erster Linie mehr Klarheit darüber, woher unsere Lebensmittel kommen und unter welchen Rahmenbedingungen sie erzeugt wurden – kurz gesagt: was wir da eigentlich kaufen und essen. Es ist weitgehend unstrittig, dass es vor allem beim Bio-Logo der EU noch Verbesserungspotenzial gibt. Grundsätzlich gilt aber, dass ökologisch hergestellte Waren wie Obst, Gemüse, Fleisch-, Milch- und Getreideprodukte – speziell jene mit einem Verbandssiegel – umweltschonender erzeugt werden und Tiere in der Bio-Landwirtschaft unter besseren Bedingungen gehalten werden. Es lohnt sich also, sich immer wieder mit den verschiedenen Kennzeichnungen und Gütesiegeln zu beschäftigen und sich mit dem eigenen Konsum von Lebensmitteln und deren Herstellungsbedingungen noch bewusster auseinanderzusetzen.

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