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Kommentar: Was kostet die Energiewende wirklich?

Handelsblatt – Die grüne Rechnung

In der vergangenen Woche ging eine regelmäßig wiederkehrende Schreckensmeldung erneut durch die Presse: Die Energiewende wird teuer, sehr teuer. Laut Handelsblatt belastet sie die deutschen Privathaushalte jährlich mit 28 Milliarden Euro. Umgerechnet seien das rund 270 Euro pro Haushalt. Das hat das arbeitgebernahe Institut der Deutschen Wirtschaft (IW) für die Wirtschaftszeitung errechnet. Doch „die grüne Rechnung“ geht nicht auf.

„Die Große Koalition trat mit dem Ziel an, die Kosten der Energiewende zu senken. Tatsächlich steigen sie auf 28 Milliarden Euro im Jahr. Politik und Industrie sind alarmiert“, so beginnt der Artikel, auf der Titelseite des Handelsblatts. Im weiteren Verlauf kommen Wirtschaftsvertreter mit panikverbreitenden Aussagen zu Wort.

Es ist ein mittlerweile gewohntes und durchschaubares Schauspiel: Vertreter der fossilen Energielobby wettern öffentlichkeitswirksam gegen die scheinbar viel zu teuren Erneuerbaren. Dabei bringen sie stets eine neue Studien mit, die die „verheerenden“ Folgen der Erneuerbaren für den Wirtschaftsstandort Deutschland und die Haushaltkassen der Bürger untermauert. So auch im jüngsten Fall der Studie des „Institut der deutschen Wirtschaft (IW)“, die die Angst vor einer Energiekostenexplosion für die Verbraucher schürt.

 

Handelsblatt-Rechnung ist fehlerhaft

Doch wie auch das Blog klima-luegendetektor.de bemerkt, ist dem Handelsblatt offenbar ein kapitaler Rechenfehler unterlaufen. Die Journalisten legen die Gesamtkosten für die Energiewende, die EEG-Umlage, nicht auf alle Energieverbraucher, sondern ausschließlich auf die Privathaushalte um. Dabei sind diese lediglich für knapp 27 Prozent des deutschen Stromverbrauchs verantwortlich. Somit hätte in der Rechnung des Handelsblatts statt 21 Milliarden Euro korrekterweise nur 5,7 Milliarden Euro auftauchen dürfen. Auch alle anderen Umlagen, die mit der Energiewende in Zusammenhang stehen, werden jeweils zu 100 Prozent auf die Privathaushalte umgelegt. Dadurch werde die Rechnung „glatter Humbug“, schreibt der Klima-Lügendetektor.

Eine simple Rechenprobe bestätigt die Vermutung: Teilt man die angegebenen Gesamtkosten von 28 Milliarden durch die 270 Euro, die jeder Haushalt angeblich für die Energiewende bezahlt, sollte man theoretisch die Zahl der deutschen Haushalte als Ergebnis erhalten. Diese lag im Jahr 2014 laut Statistischem Bundesamt bei 40,2 Millionen mit je 2,01 Personen. Führt man die Rechnung allerdings mit den Zahlen des Handelsblatts aus, müsste es in Deutschland rund 104 Millionen Haushalte und dementsprechend knapp 210 Millionen Einwohner geben – Humbug eben.

Sind fossile Energien denn billiger?

Hinzu kommt: Die astronomische Summe von 28 Milliarden Euro wirft das Handelsblatt ohne jeglichen Vergleichswert in den Raum. Um objektiv beurteilen zu können, ob das viel oder wenig ist, sollte der Leser zumindest erfahren, mit welcher Summe er jährlich direkt oder indirekt Strom aus Kohle-, Gas- und Atomkraftwerken finanziert.

Mit dieser Frage hat sich Prof. Jürgen Karl von der Universität Erlangen Nürnberg in einer aktuellen Studie beschäftigt. Es sagt: „Die Alternative zur Energiewende wäre auch nicht billiger gekommen. Wir verheizen heute überwiegend fossile Energien, die immer knapper werden. Und damit ist klar, dass die Energiekosten allgemein steigen werden, steigen müssten.“

Die Energiewende hätte den Anstieg bei den Energiekosten laut Karl sogar gebremst, „weil sich das Stromangebot in Europa ohne die Erneuerbaren deutlich verknappt hätte. Wir hätten durch Gaskraftwerke deutlich mehr Strom erzeugen müssen – und aufgrund der hohen Gaspreise wären auch diese Erzeugungskosten deutlich teurer gewesen.“

„Durch die Energiewende sind die Strompreise auf einem historischen Minimum. Und das ist ganz klar die Folge der Energiewende, dass es dieses Überangebot an Wind und Photovoltaik, vor allem in den Mittagsstunden gibt. Nirgendwo in Europa genießen die energieintensiven Industrien so geringe Strompreise wie in Deutschland. Und dadurch sind tatsächlich diese energieintensiven Unternehmen die Gewinner der Energiewende.“

Die Auswirkungen der niedrigen Beschaffungspreise machen sich in diesem Jahr laut dem Internationalen Wirtschaftsforum Regenerative Energien (IWR) erstmals seit 2000 auch in sinkenden Strompreisen für den Endverbraucher bemerkbar. So müssen wir im Jahr 2015 rund 1,4 % weniger für Strom bezahlen als im Vorjahr. Wenn das nicht ein Zeichen für das Gelingen der Energiewende in Deutschland ist.

2 KommentareEigenen Kommentar schreiben

  1. Alex sagt

    Erschreckend!

    ich bin sicher kein Verfechter der old-Energy Lobby und begrüße jeden wirkungsvollen Ansatz ihr entgegen zu wirken. Aber dieser Blog-Beitrag ist erschreckend:

    Ihre ’simple Rechenprobe‘ legt logisch doch den Schluß nahe, dass das Handelsbaltt (anders als von Iihnen behauptet) die Gesamtsummen eben NICHT nur auf die Privaten umlegt, da sonst die Zahl je Haushalt ja über doppelt so hoch ausfallen müsste. Hinzu kommt, dass die Umlagen an die Wirtschaft letztendlich indirekt über die Preise auch bei den Endverbrauchern landen muss (wo denn auch sonst in einem Wirtschaftskreislauf *) –
    Zudem wissen wir, dass es eben eine ganze Reihe gerade der stromintensiven Unternehemn gibt, die von der Umlage nahezu ausgenommen sind: d.h. Ihre 27% des Anteils am Verbrauch sind bewust die falsche Argumentationsgrundlage.

    Angekündigt wird eine Antwort auf die Frage welche Summen direkt & indirekt für old-energy zusätzlich ausgegeben werden. Was dann kommt sind wieder lediglich qulitative Behauptungen ohne Zahlen (und der Link zum Bericht über die Arbeit von Prof. Karl ist leider nur von ähnlicher argumentativer Qualität – auch wenn er von DLF stammt)

    So kann ein wirkungsvolles argumentatives Gegenhalten gegen die Old-Energy Lobby nicht gelingen, dann das ist angreifbar und wirkt bestenfalls bemüht – oder als Stimmungsmache ohne Argumente – Erschreckend eben!

    (* und dass das Handelsbaltt errechnet hätte, dass über die Hälfte der Gesamtkosten von 28 Mrd. über die Produktpreise des Exports ans Ausland weiter gegebn werden konnten, halte ich zwar für unwahrscheinlich, aber wäre die eigentlich spannende Meldung gewesen – Denn die andererseits über geänderte Gewinne der Firmeneigner erziehlten Effekte wären ja ebenfalls wieder bei den Privaten zu billanzieren – wenn auch ggf. mal wieder ungerecht verteilt)

    • Admin

      Uta Hoffmann sagt

      Hallo Alex,

      deine Argumentation ist sicherlich richtig und nichts anderes haben wir in unserem Artikel darüber gesagt. Liest man allerdings den Artikel vom Handelsblatt und die Ausführungen zur Berechnung, soll dem Leser deutlich gemacht werden, dass die Kosten ausschließlich auf private Haushalte zukommen. Da Abgaben, Entgelte und Umlagen mittlerweile über 50 % des Strompreises ausmachen, machen sich die sinkenden Beschaffungskosten kaum bemerkbar im Endverbraucherpreis. Dennoch ist ein wichtiges Zeichen für die Energiewende und zeigt, dass der Ausbau der Erneuerbaren nicht nur negative Folgen hat. Und genau darum geht es doch. Schau dir gern folgenden Link an, der darlegt welche Kosten durch den Ausbau erneuerbarer Energien, in diesem Beispiel Sonnenenergie, anfallen und welche durch die Netzintegration von Braunkohlestrom: https://blog.stromhaltig.de/2015/08/strompreis-netzintegration-von-braunkohlestrom-fast-8-mal-so-teuer-wie-zubau-photovoltaik/

      Liebe Grüße
      Uta Hoffmann

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